Zwei Bücher. Drei Jahrzehnte. Und eine ziemlich ernüchternde Verkaufsbilanz.

Was meine Diplomarbeit und meine Dissertation mir über Wissenstransfer, Zugänglichkeit und akademisches Schreiben beigebracht haben — und warum das für jede Führungskraft relevant ist.

Change = Veränderung = heilige Kühe reduzieren

Zwei Bücher. Drei Jahrzehnte. Und eine ziemlich ernüchternde Verkaufsbilanz.

Was meine Diplomarbeit und meine Dissertation mir über Wissenstransfer, Zugänglichkeit und akademisches Schreiben beigebracht haben — und warum das für jede Führungskraft relevant ist.


Es war 1996. Ich war jung, idealistisch und überzeugt davon, dass die Welt nur darauf wartete, meine Diplomarbeit in Wirtschaftspsychologie zu lesen. Das Thema: Computergestützte psychologische Diagnostik. Damals war das noch halbe Zukunftsmusik — KI war ein Nerd-Traum, und wer in Unternehmenskreisen von "digitaler Diagnostik" sprach, erntete entweder Begeisterung oder den Blick, den man jemandem zuwirft, der beim Familienessen über Quantenphysik redet.

Heute, fast 30 Jahre später, ist computergestützte Diagnostik so selbstverständlich wie das morgendliche Kaffeekochen. Das Thema hat sich bewahrheitet. Die Arbeit selbst? Weniger.

In ganzen 30 Jahren wurde meine Diplomarbeit zweimal verkauft.

Ich wiederhole: Z-W-E-I-M-A-L. In drei Jahrzehnten. Ich hoffe, meine Mutter war nicht einer der Käufer.

Meine Doktorarbeit hingegen — 2019 eingereicht, noch keine zehn Jahre alt — wurde inzwischen rund 1.000 Mal aufgerufen. Frei zugänglich im Internet, auf Englisch, über ein Thema, das mich bis heute nicht loslässt: Wie man Unternehmen effektiver modernisiert. Oder in meiner Sprache: Wie man heilige Kühe identifiziert und durch etwas Besseres ersetzt.

Was erklärt den Unterschied? Vier Verdächtige.

Ich habe mir diese Frage ehrlich gestellt — ohne Schönfärberei. Hier sind die vier Faktoren, die ich identifiziert habe:

1. Doktortitel schlägt Diplom — das Statussignal zählt.

Akademische Hierarchien sind real. Ein Doktortitel signalisiert vertiefte Forschung, und das beeinflusst, wer die Arbeit überhaupt wahrnimmt. Unfair? Vielleicht. Wahr? Definitiv. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit knapper ist als Zeit, funktionieren Statussignale als Türöffner.

2. Gratis schlägt Geld — immer.

Die Diplomarbeit ist bei einem Verlag erschienen. Wer sie lesen will, muss zahlen. Meine Dissertation liegt frei im Netz — ein Klick, und sie gehört dir. Das Internet hat unsere Erwartungen an Zugänglichkeit fundamental verändert. Wer Wissen hinter einer Paywall versteckt, zahlt heute einen hohen Preis in Form von Irrelevanz. Das gilt für akademische Arbeiten genauso wie für Unternehmenskommunikation.

3. Englisch schlägt Deutsch — in der Reichweite.

Die Diplomarbeit ist auf Deutsch. Die Dissertation auf Englisch. Das erklärt einen Teil des Unterschieds — Englisch ist die Lingua Franca der Wissenschaft und des Internets. Wer auf Englisch publiziert, spricht potenziell zu Millionen. Wer auf Deutsch schreibt, spricht zu DACH. Beides hat seine Berechtigung — aber die Reichweite ist schlicht eine andere.

4. Qualitativ schlägt Quantitativ — in der Lesbarkeit.

Das ist mein persönlicher Hauptverdächtiger. Meine Diplomarbeit ist in quantitativer Forschung geschrieben: Regressionsanalysen, Faktorladungen, Signifikanzniveaus. Wunderschön präzise. Und völlig unlesbar für jeden, der nicht in Matrizen träumt.

Meine Doktorarbeit hingegen ist qualitative Forschung. Ich habe erfahrene Change Agents aus der ganzen Welt interviewt — keine Buzzword-Bingo-Champions, sondern Menschen mit echten Narben und echten Erfolgen. Ich habe ihre Geschichten gesammelt, ihre Frustrationen destilliert, ihre Kniffe dokumentiert. Das Ergebnis ist etwas, das jeder lesen kann: CEOs, Sachbearbeiter, neugierige Halbschläfer auf dem Sofa.

Qualitative Forschung erzählt Geschichten. Quantitative Forschung rechnet. Beides ist wertvoll — aber nur eine von beiden erreicht ein breites Publikum.

Die eigentliche Lektion: Es geht nicht nur ums Thema.

Wenn ich ehrlich bin: Ich glaube nicht, dass der Unterschied primär an den Themen liegt. Beide sind — nach meiner völlig subjektiven Selbsteinschätzung — hochinteressant. Einerseits, wie man Menschen per Computer diagnostiziert. Andererseits, wie man Unternehmen effektiver wieder auf Kurs bringt.

Der Unterschied liegt in der Art, wie ich geschrieben habe. Und für wen.

Die Diplomarbeit war für Gutachter geschrieben. Methodisch korrekt, akademisch sauber, statistisch wasserdicht. Sie hat ihren Zweck erfüllt — ich habe das Diplom bekommen. Aber sie war nie wirklich für Menschen geschrieben.

Die Dissertation war — zumindest in meiner Absicht — für Praktiker geschrieben. Für die Menschen, die täglich in Unternehmen sitzen und sich fragen: "Warum scheitern so viele Veränderungsinitiativen? Und was können wir besser machen?" Ob mir das vollständig gelungen ist, sei dahingestellt. Aber die Richtung war eine andere.

Komplexität imponiert Gutachtern. Klarheit erreicht Menschen. Und Reichweite entsteht nur, wenn Menschen tatsächlich lesen — und nicht nur nicken und weiterscrollen.

Was das mit Change Management zu tun hat.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um mich über die magere Verkaufsbilanz meiner Diplomarbeit zu beklagen. Zwei Käufer sind immerhin zwei mehr als null.

Ich erzähle sie, weil ich dieselbe Dynamik täglich in Unternehmen beobachte.

Organisationen produzieren Strategiepapiere, die kein Mensch liest. Sie verschicken Change-Kommunikation, die im Postfach verschwindet. Sie erstellen PowerPoint-Decks mit 87 Folien voller Buzzwords — für Gutachter im Vorstand, nicht für die Menschen, die die Veränderung tatsächlich umsetzen sollen.

Das Ergebnis ist bekannt: Engagementraten um 30 Prozent, Scheitensquoten bei Transformationsprojekten jenseits der 70 Prozent, und Mitarbeitende, die nickend zustimmen und dann genau so weitermachen wie vorher.

Die Frage, die ich meinen Kunden stelle: Schreibst du für Gutachter — oder für Menschen?

Wissen, das nicht zugänglich ist, verändert nichts. Kommunikation, die niemand versteht, bewirkt nichts. Und Strategien, die in Schubladen liegen, sind bestenfalls teure Papierverschwendung.

Eine letzte Frage — an dich.

Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Faktor, der den Unterschied erklärt? Statussignal, Zugänglichkeit, Sprache oder Lesbarkeit?

Und noch interessanter: Hast du selbst schon einmal etwas produziert — eine Strategie, ein Konzept, eine Präsentation — das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, aber im Sumpf der Komplexität verschwunden ist?


Dr. Stephan Meyer | Doctor Change

Experte für Business Transformation & Change Management | Keynote Speaker

30+ Jahre Erfahrung | Sacred Cow Framework | office@stephanmeyer.com

www.stephanmeyer.com | jo.my/redner